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Pommerisches Kriegs-Theatrum
 
Der Ausgangspunkt: Ein anonym erschienener Text über den Nordischen Krieg in Vorpommern

Gelegentlich, eigentlich ziemlich selten, taucht im Graphikhandel eine hübsche Karte auf: das Pommerische Kriegs Theatrum.
Sie entstammt einer zeitgenössischen Publikation über die Vorgänge im Vorpommern in einem bestimmten Abschnitt des Nordischen Krieges (1700-1721). Dieses Buch, das Pommerische Kriegs-Theatrum, ist ein recht prachtvoll ausgestattetes Werk, das der Stolz einiger Bücherschränke gewesen sein dürfte: Der Titelkupfer zeigt die Portraits von Zar Peter dem Großen, König Friedrich IV von Dänemark und Norwegen, König Friedrich August von Sachsen, König Friedrich Wilhelm von Preußen und, in der Mitte, König Carl XII von Schweden. Darunter befinden sich zwei winzige (3x1,2cm) ovale Vedouten von Stralsund und Wismar. Daneben enthält der Band – die Vollständigkeit ist anhand der Anweisungen für den Buchbinder nachzuvollziehen – die oben erwähnte Karte (Laut Brüggemann (dort ungenau: Das pommersche Kriegs Theatrum) ein Nachdruck: Das Pommerische Kriegstheatrum. - [Ca. 1:200.000]. - Amsterdam : I. C. Mann-Hoff, 1715. - 1 Kt. : Radierung. ; 46 x 33 cm - Maßstab in graph. Form (Meilen). - Ohne Kt.-Netz. - Mit 1 Nebenkt.: [Odermündung u. Insel Rügen]), außerdem Stadt und Festung Stralsund im Prospekt, eine Belagerungskarte von Stralsund, eine Karte der Seeschlacht vor dem Greifswalder Bodden, eine Darstellung der Landung der Alliierten auf Rügen, schließlich, und das wird weiter unten noch wichtig, eine Ansicht von Wismar, der Befestigungsplan von Wismar und des Forts Walfisch. Das Titelblatt ist zweifarbig, rot und schwarz, gedruckt, einige Vignetten zieren den Text. Den Schluß des dritten Teils des Kriegstagebuchs bilden Beschreibung, Erläuterung und vor allem auch Abbildung zweier schwedischer Gedächtnis-Medaillen.
  Dieser Text ist – trotz seiner aufwendigen Ausstattung – anonym erschienen. In sämtlichen Bücherverzeichnissen, Literatur- und Quellenangaben wird er ohne Autor geführt. Auch die gängigen Anonyma-Lexika vermuten oder verzeichnen keinen Autor. Der Text erleidet das Schicksal einer großen Zahl tagespolitischer Flugschriften: Schnell zusammengestellt, gedruckt und weit verbreitet; über die Autorschaft jedoch sind, je nach politischer Agitationsrichtung, nur Vermutungen anzustellen.
Dabei handelt es sich bei dem Text nur zur Hälfte um Tagespolitik bzw. Kriegsberichterstattung: Erst der zweite Teil enthält das „Kriegs-Diarium“. Der erste Teil ist eine Landesgeschichte, die, wenn überhaupt, nur sehr versteckt eine Tendenz verrät. Der zweite Teil gibt eine Chronologie der Ereignisse bis zur Übergabe Wismars und wird durch folgenden Zwischentitel eingeleitet:

Des nun schon in die 16. Jahr währenden Nordischen Kriegs, Anfang / Fortgang / und nunmehro Gott gebe! bald zu erwartender Außgang / Da in dreyen nach einander folgenden Abtheilungen alle dessen Merckwürdigkeiten enthalten / in welchen der gantze Verlauf und Begebenheiten von Anfang des Kriegs in Hollstein / Liefland etc. und zwar von An. 1700. biß wieder an das Ende des 1715. Jahres / als die Stadt und Vestung Stralsund den 22. Decembr. von den Schweden an die hohen Alliirten übergeben worden / kürtzlich / doch ordentlich und ohnpartheyisch referiret werden. Erstlich gedruckt In Hamburg, bey Thomas von Wiring / in Erasmo von [Ex. UB hier abgeschnitten]

Das Kriegs-Diarium ist in vier Abschnitte aufgeteilt:

1. Begreiffend den Verlauff von Anfang des Kriegs, Anno 1700 biß auf die Einrückung des Königs von Schweden in Sachsen, und den Alt-Ranstädtischen Frieden Anno 1707.
2. In sich haltend die Begebenheiten von Außmarsch des Königs in Schweden auß Sachsen, Anno 1707 biß auf seine Wiederkunfft in Stralsund Anno1714
3. Begreiffend die Begebenheiten von Wiederkunfft des Königs in Schweden auß der Türckey und seiner Arrivirung zu Strahlsund, den 22. Nov. Anno 1714 biß wieder an den 22. Nov. 1715

Danach folgt, und dies wird noch wichtig, der vierte Teil als eine Art Anhang mit einem weiteren Zwischentitel:

Fortsetzung De Pommerischen Kriegs-Theatri, Oder des Nordischen Krieges Vierdte Abtheilung / Darinnen kürtzlich enthalten, was von anno 1716. nach Ubergabe (sic!) Stralsunds / biß den 19. April a.c. da die Stadt und Festung Wißmar gleichfalls an die hohen Alliirten durch Accord übergeben worden, im Norden merckwürdiges passiret. Mit darzu dienlichen Kupffern. Franckfurth / Hamburg / Nürnberg und Leipzig Anno 1716. [Ex. der UB HGW am unteren Rand des Titels beschnitten] [Die Kupfer meinen die Ansicht und den Fortifikationsplan von Wismar sowie vom Fort Walfisch]

Das Rechercheergebnis: Ein fast identischer Text – mit Nennung des Verfassers!
Bei dem Versuch, den anonymen Autor des Textes zu benamsen, stießen wir auf ein merkwürdiges Buch:

Samuel von Puffendorfs Historische Nachlese / Zur Einleitung seiner Schwedis. Historie / Betreffend insonderheit die Etaats-Affairen und Veränderungen unter Regierung Carls des XI. Welches zwar bis anhero verborgen blieben / nunmehro aber aus des Hn. Autoris Scriptis posthumis dem Publico zu Nutzen zum Druck befördert worden, Nebst einer beygefügten Geograph- und Historischen Beschreibung des Hertzogtuhms Pommern und des Nordischen Krieges / Von Anno 1700. bis zu Ende / und mit Kupfern. von einem dem Publico gewidmeten Treuen Freund. Hamburg / Verlegt durch Samuel Heyl, 1722 – 198 / 86 S., Kl8°

Auch hierbei handelt es sich um ein anonym publiziertes Buch. Die posthum veröffentlichten Schriften Pufendorfs, die hier versammelt sind, waren wohl nie für eine Publikation vorgesehen, sondern hatten, wie der Herausgeber im Vorwort sagt, eher den Status von Memoranden des Kenners der schwedischen Geschichte und Politik Pufendorf, gerichtet an die politischen Entscheidungsträger. Teil eines in alle Winde zerstreuten Nachlasses, kamen sie in die Hände des Herausgebers, des "treuen Freundes", der sie wichtig genug für eine Veröffentlichung hielt.
Den zweiten Teil dieses etwas zwiespältig zu beurteilenden Buches leitet folgender Zwischentitel ein:

Geographisch- und Historische Beschreibung Des Herzogthums Pomern und Fürstenthums Rügen / Die vornehmste Revolutiones besagter Länder in sich fassend. Nebst dem Nordischen Kriegs-Diario von Anno 1700. biß zu Ende 1715. Darinnen alle dessen Merckwürdigkeiten summarisch und unpartheyisch angezeigt werden. Mit accuraten Land-Charten und Kupfferstichen / betreffend diese letzte Pomerische Campagne, Zum Besten und Vergnügen curieuser Gemüther ausgefertiget. Franckfurt und Leipzig 1716

Wie bei dem anonym erschienenen Werk wird auch hier zunächst pommersche Geschichte geschrieben. Danach folgt ein Zwischentitel:

Nordisches Kriegs-Diarium, Darinnen dessen Ursachen Und alle erfolgte (sic!) Merckwürdige Begebenheiten Von Anno 1700. biß zu Ende 1715. Ordentlich und kürtzlich referiret werden.

Dieses nun folgende Kriegstagebuch umfaßt drei Teile, und zwar genau die oben angeführten drei Teile des anonym erschienen Werkes. Der vierte Teil, der Annex, ebenso wie die Erwähnung Wismars im Titel, fehlt.
Dafür gibt es eine Dedicatio an Christian VI. von Dänemark, die datiert ist mit Hamburg, den 1. Januar 1716, und die vor allem unterschrieben ist vom Verfasser: Johann Christian Seitz.
Der Text ist identisch mit dem oben genannten. Natürlich sind bei dem neuen Satz einige Fehler des alten vermieden und einige neue hineingebastelt worden, ansonsten ist es dieselbe Schilderung der Ereignisse – bis zum Fall von Stralsund 1715 (was die Datierung der Dedikation ja auch nahe legt).
 
Die Auflösung des Anonyms und die Datierung des Textes
Damit dürfte die Verfasserschaft des umfangreicheren anonymen Textes im Wesentlichen geklärt sein. Beide Titelblätter nennen das Jahr 1716 als Erscheinungsdatum; allerdings ist das wesentliche Ereignis, der Verlust der letzten Festung am Südrand der Ostsee für Schweden, erst im April 1716 geschehen, so daß der anonyme Text erst in der zweiten Jahreshälfte erschienen sein dürfte – immerhin mußte der Text ergänzt, der Titel geändert und eine Reihe von Kupferstichen angefertigt werden. Erst diese Maßnahmen erbrachten das aufwendig ausgestattete anonyme Werk, als dessen Hauptautor wohl Johann Christian Seitz zu nennen ist. Es handelt sich hierbei offensichtlich um eine klassische Form geistigen Diebstahls; ein Raubdruck, der seine Publikation ohne Nennung des Autors vermutlich nur durch die Erweiterung um die Geschehnisse der ersten Hälfte des Jahres 1716 rechtfertigt. Damit wird auch das oben genannte Verdikt Brüggemanns über die Karte, daß sie nämlich von einer holländischen Vorlage "abgekupfert" sei, höchst wahrscheinlich. Im Seitzschen Kriegs-Diarium folgt der 86seitigen Beschreibung der Kriegsereignisse ein Blatt ohne Paginierung mit der „Erklärung der Zahlen auff der Land-Carte.“ sowie dem Hinweis: „Das zweyte Kupffer stellt der Belagerten und das dritte Stralsund im Prospect vor.“ (vs. Corrigenda). In dem uns vorliegenden Exemplar (UB HGW) fehlen leider die Kupfer, so daß wir keine Vergleiche mit den Kupfern des anonym erschienenen Werkes anstellen konnten. Die Kartenlegende unterscheidet sich von der in unserem Exemplar. Nicht enthalten im Seitzschen Werk sind damit zwei Rügenkarten und, natürlich, die Wismar betreffenden Kupfer. Die Pufendorfsche "Historische Nachlese" scheint weit weniger Verbreitung gefunden zu haben als die anonym erschienene Schrift; in den Verbund-Bibliotheken ließen sich nur das erwähnte Exemplar der UB Greifswald finden und das der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle.
 
Der historische Kontext
Die größere Verbreitung des anonymen Werkes ist vermutlich bedingt durch dieses wichtige, die (bis dahin!) europäische Großmacht Schweden betreffende Ereignis der Übergabe von Stadt und Festung Wismar an die Alliierten. Mit Wismar verlieren die Schweden ihren letzten Stützpunkt auf deutschem Boden. (1717/18 wird die Festungsanlage inklusive der auf der vorgelagerten Insel geschleift.) Am 19. April 1716 werden die Kapitulationsbedingungen unterschrieben, am 20. April muß Schweden die Herrschaft über Wismar den Hohen Nordischen Alliierten übergeben. „Durch die Friedensschlüsse von Stockholm vom 20. November 1719 und vom 1. Februar 1720 ward der Friede zwischen Schweden und England (Hannover) und Preußen, durch den von Frederiksborg vom 3. Juli 1720 auch der zwischen Schweden und Dänemark hergestellt. An Hannover mußte Schweden Bremen und Verden (gegen eine Zahlung von 1 Million Taler), an Preußen Stettin samt den Odermündungen, und Vorpommern bis zur Peene (gegen 2 Millionen Taler) abtreten, gegenüber Dänemark auf die Zollfreiheit seiner Schiffe im Sunde und in den Belten verzichten, wogegen und gegen eine Zahlung von 600.000 Talern Dänemark seine Eroberungen in Pommern und Norwegen und, was uns hier besonders angeht, Wismar zurückgab, dies unter der Bedingung, daß es nicht wieder befestigt werden sollte. [...] Mit der Großmachtstellung Schwedens war es vorbei. Südlich der Ostsee behielt es nur den größten Teil von Vorpommern mit Stralsund, Greifswald und Rügen, in Meklenburg Wismar mit Zubehör.“ (Techen, Wismar, S. 251)
 
Der Autor
Nun zur Hauptperson: zu Johann Christian Seitz. Es ist ein wenig frappierend, dies an dieser Stelle sagen zu müssen, aber es ließ sich über ihn kaum etwas in Erfahrung bringen. Das Deutsche Biographische Archiv führt zwar die meisten seiner Werke auf; seine Lebensbeschreibung ist dafür allerdings recht dürftig. Geboren und aufgewachsen in Bayreuth lebte er nach einer peinlichen Befragung ebendort zu seinen „ketzerischen“ religiösen Thesen (ein Protokoll dieser Befragung ist publiziert) in Berlin, Hamburg, Franken, Schwaben, Holland und England. Er wird immer wieder als "religiöser Schwärmer" apostrophiert. Daß er trotzdem Verfasser der pommerschen Landeskunde (die ja nichts weiter ist als eine Kompilation aus bekannten Quellen) und des Kriegstagebuches ist, wird dadurch wahrscheinlich, daß er immer wieder auch zu tagespolitischen Ereignissen Gelegenheitsschriften verfaßte und auch publizierte, so z.B. 1714 einen „teutschen Glückwunsch“ an die Briten zu ihrem neuen König. Leider sind allerdings noch nicht einmal Seitz' genaue Lebensdaten bekannt. Vielleicht ein lohnendes Ziel biographischer Forschung?
 
 
 
 
 
Autorenbeiträge

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Pom. Kriegs Theatrum
 

Titelkupfer
 

Stadt und Festung Stralsund
 

Seeschlacht v. Gr. Bodden
 

Landung der Allierten
 

Ansicht Wismar


Befestigung Wismars
 

Befestigung Fort Walfisch
 

Titelblatt